Legatalk Folge 83 – Fehlender und unwirksamer Nachteilsausgleich macht krank 

Fehlender Nachteilsausgleich krank
Wenn alle auf denselben Baum klettern sollen…Es gibt diese Karikatur, die viele von uns kennen:Ein Affe, ein Pinguin, ein Goldfisch, ein Elefant – alle stehen vor einem Baum.Die Aufgabe lautet: „Klettern Sie hinauf.” Was auf den ersten Blick nach Gleichbehandlung aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als tiefe Ungerechtigkeit. Denn nicht alle bringen die gleichen Voraussetzungen mit. Und genau dieses Bild kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn ich mit Eltern, Lerntherapeut:innen oder Lehrkräften über Nachteilsausgleich spreche.

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Nachteilsausgleich ist kein Vorteil

Ein wirksamer Nachteilsausgleich soll keine Abkürzung sein. Er soll auch nichts „leichter machen” im Sinne von Bevorzugung.Er soll Benachteiligung ausgleichen, damit ein Kind überhaupt zeigen kann, was es kann.
 

So sieht der Nachteilsausgleich in der Realität aus 

In der Praxis sieht Nachteilsausgleich jedoch oft sehr ähnlich aus: ein bisschen mehr Zeit, eine größere Schrift, ein Häkchen auf dem Formular. Formal korrekt – emotional und fachlich jedoch häufig wirkungslos.Denn zehn Minuten mehr Zeit helfen einem Kind mit schwerer Legasthenie nicht dabei, Wörter sicher zu verschriften. Sie helfen auch nicht, einen Text besser zu verstehen, wenn das Lesen an sich bereits enorm viel Kraft kostet.

Wenn Unterstützung am Kind vorbeigeht

Was viele unterschätzen: Ein nicht passender Nachteilsausgleich wirkt wie ein stiller Verstärker für Selbstzweifel.Kinder erleben dann immer wieder:
  • Ich strenge mich an – und es reicht trotzdem nicht.
  • Andere schaffen das – ich nicht.
  • Mit mir stimmt etwas nicht.
Die Folgen zeigen sich selten sofort. Oft kommen sie schleichend: Bauchschmerzen, Schulangst, Rückzug oder eine innere Resignation. Lernen wird zur Bedrohung, nicht zur Entwicklung.Lernen braucht Passung, nicht PerfektionEin guter Nachteilsausgleich beginnt nicht bei der Maßnahme, sondern bei der Frage:Wo steht dieses Kind gerade wirklich?Manchmal bedeutet das:
  • Aufgaben vorlesen oder anhören lassen
  • andere Aufgabenformate wählen
  • nur das bewerten, was aktuell erarbeitet wurde
Das ist kein Absenken von Leistung. Es ist ein Akt von Beziehung, Verständnis und pädagogischer Verantwortung. Und vor allem: Es ermöglicht Selbstwirksamkeit.Ein Gedanke zum MitnehmenVielleicht geht es weniger darum, alle auf denselben Baum zu schicken.Und mehr darum, zu fragen:
Was bräuchte dieses Kind, um seinen eigenen Weg nach oben zu finden?
In der aktuellen Legatalkfolge  geht es genau um dieses Thema.

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